Die Festivalreihe Sprachspiel. Biennale West ist neben dem großen Poeten H.C. Artmann aus Breitensee auch der Wiener Gruppe mit ihren mannigfaltigen poetischen Verfahren gewidmet. Die diesjährige Ausgabe basierte zum einen auf dem 5. Act von H.C. Artmanns Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Acts, der folgendermaßen lautet: Der poetische Act ist die Pose in ihrer edelsten Form, frei von jeder Eitelkeit und voll heiterer Demut. Zum anderen nahm sie in Anlehnung an H.C Artmanns Fleiß und Industrie mit dem Titel immer arbeiten immer atmen die Themen Arbeiten und Atmen in den Blick. Schließlich feierten wir H.C. Artmanns 105. Geburtstag.
Lassen Sie mich einige Impulse benennen, die für das kuratorische Ich leitend waren. Es sind persönliche Erinnerungen, die weit zurückreichen. Ein väterlicher Freund versorgte mein adoleszentes Lesebedürfnis mit zeitgenössischer Literatur, darunter H.C. Artmann und Ernst Jandl, aber auch Rainer Maria Rilke stand mit Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke auf dem Plan. Ich muss 21 Jahre alt gewesen sein, als ich mit meinem väterlichen Freund eine Lesung von H.C. Artmann im Künstlerdorf in St. Martin an der Raab im südlichen Burgenland besuchte. Auch in Rilkes Weise von Liebe und Tod ist diese Gegend an der Raab mit Mogersdorf ein wichtiger Schauplatz. Daran erinnere ich mich. Überhaupt dieses Gebiet des historischen Deutschwest-Ungarns mit seiner Sprachenvielfalt: Bereits als Kind hörte ich Ungarisch, Kroatisch, Romanes, auch Slowenisch, ein wenig Russisch, doch leider nicht mehr Westjiddisch. Dafür sprach ich den Dialekt Burgenland-Hianzisch mit seinen bedeutenden Parallelen zum Jiddischen. Daran erinnere ich mich. Und auch an das herrschaftliche und reich verzierte Bienenhaus, das von meinem Urgroßonkel und Zimmermeister – auch hier findet sich ein Immer – erbaut wurde. Ich besuchte es fast täglich. Ich erinnere mich an originale Menschen, Frauen wie Männer, die zeitlebens hart arbeiteten, im Wald, auf dem Feld, in den Gärten, in den Streuobstwiesen und Weingärten, in den Häusern und Ställen, in den Werkstätten und Fabriken und in Wien. Vielfach hatten sie jegliches Maß aus den Augen verloren. Ich erinnere mich an nach Amerika ausgewanderte BurgenländerInnen, die zu Besuch kamen, mitunter blieben, an KünstlerInnen, an Professoren, an LehrerInnen, an Richter und Kleinrichter, an ÄrztInnen, an FriedhofsbesucherInnen, an die vielen Nachbarn und DorfbewohnerInnen, die in unserem großen und offenen Haus täglich ein- und ausgingen und an reichhaltig gedeckte Tische. Ich erinnere mich also an ein Leben und Arbeiten aus erster Hand mit seinen zahlreichen Handwerksberufen und seinem subsistenzorientierten Wirtschaften, aber ebenso an die Zunahme der verwendeten Maschinen, der industriellen Fertigung, dem neuen Konsum, den neuen Moden, der neuen Musikkultur. Ich erinnere mich an die ersten Auslandsaufenthalte in Solwenien, England, Ungarn und Italien. Ich erinnere mich an die stummen Welten des Subalternen und der Traumata, an die redundante Sprache der Tradition, an die vorgestellten Landschaften der Fremde und um mit Ivan Illich zu sprechen an vormoderne Genus-bestimmte Welten, schließlich an die ungehörig fortlaufende Redseligkeit der Moderne. Ich erinnere mich an eine berufliche Welt hier in Wien, an der ich seit 1990 zweieinhalb Jahrzehnte als Pädagogin in einem vielsprachigen Umfeld tätig war – an mein Hadern mit dem Rotstift, den roten Strichen und Durch-Strichen. Glauben Sie mir, für diese Festivalausgabe setzte ich diesen Rotstift ein letztes Mal an – und das genüsslich, ohne zu hadern! Sich erinnern erfordert auch, Rechenschaft abzulegen – deshalb, die kuratorische Auseinandersetzung für SBW 2026 fußt auf einer Zwiesprache mit meiner eigenen Leserinbiographie und jenen existentiellen Bedingungen, die am treffendsten mit der Suche nach einer Mitte beschrieben werden kann. Ich leihe mir den Titel von Octavio Paz‘ Sammlung der großen Gedichte, die bei Suhrkamp 1980 in der Neuen Folge erschienen ist. Im Jahr 1991 erwarb ich diesen Band in der Zentralbuchhandlung in der Schulerstraße hinter dem Stephansdom – wie soll ich fragen: Kann man nicht auch um eine Buchhandlung trauern? – Es gibt viele Todesarten. Auch wenn wir untröstlich sind, Kunst, Musik und Gemeinschaft sind imstande, uns in der Trauer zu begleiten. Mit dem Konzert des burgenlandkroatischen Vokalensembles und Trauerchores Šari Stinjaki beschließen wir nun das Festival. Es sei Emily Griseldis Artmann gewidmet. (Ulrike Tauss)
Unseren herzlichen Dank richten wir an alle Fördergeber – an die Literaturabteilung der Stadt Wien, an das Bundesministerium für Kunst und Kultur, ferner an Literar mechana, an SKE-Austro Mechana, an die Verwertungsgesellschaft der Filmschaffenden Österreichs VdFs, an das Slowenische Kulturinformationszentrum SKICA Wien, den Bezirk Rudolfsheim-Fünfhaus sowie an das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung und den Österreichischen Auslandsdienst. Besonders freuten wir uns über die Zusammenarbeit mit unseren Kooperationspartnern: Das ist zum einen die Schule für Dichtung, zum anderen die EMS Neustiftgasse und ferner der Lehrgang für elektroakustische und experimentelle Musik an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien | ELAK.
Vielen weiteren gebührt unser Dank: dem Team der Magistratsabteilung 31 – Wiener Wasser für die Alte Schieberkammer, dem Café Hawelka Kaffee, der Buchhandlung Yellow und Beate Lang für den gut sortierten Büchertisch sowie Nik Thoenen für die feine Satzschrift. Ohne Helping Hands wäre alles nichts: Wolfgang, Eva, Mia, Monika, Cedric, Leandro und Cora, Alexander und Philipp umsorgten uns alle wunderbar, auch ton- und videotechnisch.
Wir freuen uns über all die Rechte und die freundliche Unterstützung, die uns Rosa Pock Emily Artmann (†), Renate Ganser, Axel Hubmann und Gerhard Jaschke (†) zu teil werden ließen.
Die diesjährige Ausgabe Sprachspiel. Biennale West war getragen von einer besonderen Dialogbereitschaft aller Autorinnen und Autoren, Filmemacherinnen und Filmemachern, Musikerinnen und Musikern, Künstlerinnen und Künstlern, Moderatorinnen und Moderatoren mit einem wunderbar konzentrierten und aufmerksamen Publikum. Herzlichen Dank für diese anregenden Tage. Bleiben Sie uns gewogen, wir sehen einander in zwei Jahren zur 7. Ausgabe von Sprachspiel. Biennale West. Machen Sie es bis dahin gut!
Ihr Sprachspiel. Biennale-Team
Ulrike Tauss, Stefanie Wolff, Mena Huber