Ende der 60er Jahre legte der Dichter H.C. Artmann bei Suhrkamp eine seinem Vater gewidmete Arbeit mit dem Titel Fleiß und Industrie vor. Mit seinen poetischen Miniaturen alter Handwerksberufe, an der Zahl sind es 30, unterläuft er die normativen Setzungen einer ihn umgebenden Arbeitswirklichkeit und weist damit auf Lebensbeschreibungen und Wirklichkeiten anderer Art hin. Wie er seinem Vater bei der Arbeit in der Schusterwerkstatt zusieht, wie er seinen naiven Blick auf Arbeitsalltage poetisch ausweitet und in Worte kleidet, zeugt von einer besonderen Fabulierkunst, die sorgfältig und konzentriert entschwindende Welten auf der Folie industrieller Herstellungsverfahren nachzeichnet. Er geht dabei wie ein Meister eines Handwerks vor, setzt ruhig und bedacht ein Wort nach dem anderen und damit jenen Klassen ein Denkmal, die symbolisch untergeordnet scheinen.
Die Festivalreihe Sprachspiel. Biennale West, ist neben dem großen Poeten aus Breitensee auch der Wiener Gruppe und ihren mannigfaltigen poetischen Verfahren gewidmet. Die diesjährige Ausgabe basiert zum einen auf dem 5. Act von H.C. Artmanns Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Acts, der folgendermaßen lautet: Der poetische Act ist die Pose in ihrer edelsten Form, frei von jeder Eitelkeit und voll heiterer Demut. Zum anderen nimmt sie in Anlehnung an H.C Artmanns Fleiß und Industrie die Themen Arbeiten und Atmen in den Blick und verknüpft sie miteinander. Der Titel lautet wie folgt:
immer arbeitenimmer atmen
Doch was bedeutet es, immer zu arbeiten, immer zu atmen? Was bedeutet es, wenn immer durchgestrichen wird? Worauf verweisen diese Striche, diese Durchstriche eigentlich?
In Hinblick auf gegenwärtige Arbeitsmodi, die in neoliberale Verhältnisse einer Spätmoderne eingehegt oftmals Strukturen der Ausbeutung festschreiben und maschinenähnliches wie atemloses Tätigsein erfordern, blickt zeitgenössisches Literatur-, Film- und Kunstschaffen eigenwillig und berechtigt hinter die Kulissen. Es ist imstande ein vielfältiges Panorama zu zeichnen, einen Rhythmus zu finden, der uns – dem Menschen – auf Augenhöhe zu begegnen vermag und entsprechende Erfahrungs- und Wahrnehmungsweisen anstößt, uns zu ruhigerem, eigen- wie selbstständigem und maßvollem Tun führen kann, uns im besten Fall zu verwandeln vermag, ein In-der-Welt-sein ohne weitgehende Entfremdung zulassen könnte. Genauer ist es ein In-der-Sprache-arbeiten, In-der-Sprache-atmen oder ein Aus-der-Sprache-arbeiten, Aus-der-Sprache-atmen – so spannt das Festival einen Fächer auf, der sich an der (ethnologischen) Praxis des Bindestrichs orientiert: Maschinen-Arbeit, Fabrik-Arbeit, Trauer-Arbeit, Hand-Arbeit, Kopf-Arbeit, Körper-Arbeit, Erinnerungs-Arbeit, Arbeit mit Algorithmen, Atem-Arbeit, Schreib-Arbeit, Wander-Arbeit, Sisyphos-Arbeit und so fort, und so fort. Die Liste ließe sich nahezu unendlich fortschreiben. Welche Menschen werden von wem, und ja, warum überhaupt als brauchbar, welche als unbrauchbar betrachtet? Welches Auge bestimmt, welches Auge kontrolliert? Wer darf, wer kann nach seiner eigenen Façon arbeiten? Wer kann, wer darf nach seiner eigenen Façon atmen?
Die Wörter ständig und stets bilden Synonyme des Adverbs immer. Nicht nur inhaltlich, sondern auch klanglich drängt sich hier eine nominale Wortassoziation auf, die dem Reich der Poesie zugeordnet wird und das Festivalthema unterstreicht. Haben Sie sie erraten? Gemeint ist das alte im Mittelochdeutschen gebräuchliche Wort Imme. Neben imbe und impe bedeutet es so viel wie „Bienenschwarm, Bienenstand, Biene“. Auch H.C. Artmann wandte sich in Fleiß und Industrie mit der 12. poetischen Miniatur Fingal und Elvira oder der Bienenvater nicht nur dem „chor der versammelten bienen“ zu, sondern auch der Bienenhütte und dem Erteilen von Bienensegen, womit sich der Kreis zur Poesie schließt. Denn letztere wurden im 10. Jahrhundert erstmals verschriftlicht und gelten als die ältesten gereimten Dichtungen in deutscher Sprache überhaupt. Vermutlich versuchte man dadurch, ein schwärmendes, ein ausgebüxtes Bienenvolk zu seinem Stock zurückrufen. Die emsigen Bienen stehen neben den Ameisen als Metapher für unermüdliches Arbeiten. Bienen versammeln und organisieren sich vortrefflich, sie sammeln Nektar und verwandeln diesen in Honig. Die Betrachtung der Biene als perfekte biologische „Maschine“ verweist auf deren hochkomplexe Arbeitsweise. Letztere wird auch dem Menschen mit Fokus auf die Hand attestiert, denn sie stellt ein einzigartiges Zusammenspiel aus zahlreichen Knochen, Muskeln, Nerven und Sinneszellen dar. Aus neurologischer Sicht ist sie unser wichtigstes Werkzeug und macht uns erst zum Menschen. Hände und ihre Taten begegnen uns bei SBW 2026 in unterschiedlichen Bild-, Film- und Textäußerungen: Geschundene, bis ins Fleisch verwundete und blutende Hände, ausgebeutete Hände, versteckt diebische Hände, kopierte Hände, gestikulierende Hände, herstellende Hände, Routinen durchführende Hände, liebende, zugewandte Hände, restlos abgetrennte Hände. Es nimmt nicht wunder, dass Anwendungen der Künstlichen Intelligenz oftmals Probleme entwickeln, um ein adäquates Abbild dieses hochkomplexen körperlichen Werkzeuges in seiner Aktion zu erzielen. Worin dies begründet liegt, kann vielleicht die Philosophie beantworten. Die KI, die Maschinen, die Peitschen jedenfalls, sie alle disziplinieren und disziplinierten uns, wir verinnerlichen und verinnerlichten schlichtweg ihre Wirkweisen. Mit Bezug auf das Atmen, das seit der pandemischen Situation vor einigen Jahren symbolisch verstärkt für die existenziellen Lebensgrundlagen, für Leben und Tod sowie Trauer steht, lenkt SBW 2026 mit seinen Licht- und Buchstaben den Blick auf die Auswirkungen gegenwärtiger gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Verhältnisse mit seinen konfigurierten Lebenswelten, fragt nach dem Fremd- und Selbstverständnis der Literatur- und Kunstschaffenden sowie den Bedingungen tätigen Lebens überhaupt. Es lädt ein, Abstand zu nehmen, diesen zu halten und sich allmählich mittels Literatur und Kunst auf Verwandlungen einzulassen, die den existenziellen Bedingungen des Menschen tiefgreifend gerecht werden. Im besten Falle ständig und stets im Dialog.
Ulrike Tauss